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Stimme der vergessenen Frauen

Mittwoch, 13. August 2015 – Als wir früh um 7 Uhr zum Panzi-Krankenhaus aufbrechen, haben wir knapp 17 Grad. Auch tagsüber bleibt es in dieser Region meist unter 28 Grad. Je weiter wir fahren, desto mehr verändert sich das Stadtbild: Der Weg ist nicht mehr geteert, die Gegend wirkt ärmlicher. Die Unterkünfte bestehen nicht mehr aus Ziegel und bunt bemalten Fassaden, sondern aus Brettern und Wellblechen. Riesige Wohnviertel versinken im Staub der Straßen. Immer wieder tauchen am Straßenrand Plakate mit Aufrufen auf: „Gemeinsam gegen Gewalt“, „Nein zu sexueller Gewalt!“.

Panzi Schild

Das Panzi-Krankenhaus der evangelischen Kirche CEPAC in Bukavu

Das Universitätskrankenhaus Panzi liegt etwa eine halbe Stunde entfernt: Acht Kilometer hinauf in die Berge oberhalb von Bukavu. Es ist eines der 31 Krankenhäuser, für die der Kirchenverbund Eglise du Christ au Congo (ECC) – und damit auch das Koordinationsbüro für die medizinische Arbeit der Kirchen – zuständig ist.

Als wir ankommen, beginnt gerade die Morgenandacht. Um einen Innenhof herum sitzen und stehen Mädchen und ältere Frauen in bunten Gewändern sowie vereinzelte Männer. Manche Frauen wirken in sich gekehrt, seltsam bedrückt, aber alle verfolgen aufmerksam die Predigt. Die meisten der Anwesenden sind Patienten in dem evangelischen Krankenhaus, unter ihnen Frauen und Kinder, die Vergewaltigung und andere schlimmste Formen sexueller Gewalt erlebt haben. Wieder werden wir als Gäste vorgestellt.

Panzi

Einer der Innenhöfe des Krankenhaus-Komplexes.

Als der Pastor am Schluss zu beten anfängt, stehen alle auf: Die Frauen beten laut vor sich hin; jede für sich, aber dennoch als Teil der Gemeinschaft. In dieser Stimmung bekomme ich eine Ahnung von dem Leben hinter der Kulisse dieser friedlich wirkenden Stadt. Die Gründe, warum wir nach Einbruch der Dunkelheit unseren Compound nicht mehr verlassen sollen, warum die Häuser in unserem Viertel mit hohen Mauern und Stacheldraht gesichert sind, warum wir einige Wege nur mit unserem Fahrer zurücklegen sollen.

Oft kommen neue Fälle von Misshandlungen ins Panzi-Krankenhaus. Trotz Friedensprojekte, Ansätze zur Täterverfolgung und über 18.000 im Kivu stationierte UN-Soldaten, hat die Gewalt gegen Frauen und Mädchen in manchen Gegenden kaum abgenommen. Oft haben die Betroffenen einen taglangen Fußmarsch hinter sich, bevor sie an dem hohen Eisentor ankommen. Diejenigen, die es ins Hospital in Panzi schaffen, haben Hoffnung. Der Mitgründer und Chefarzt, Dr. Denis Mukwege, und seine Mitarbeiter betreuen jährlich rund 3.000 Vergewaltigungsopfer medizinisch und sammeln dabei Erfahrungen in der Behandlung gravierender, gynäkologischer Verletzungen und Komplikationen. Die Frauen leiden neben ihrer Traumata an Fisteln, Gebärmuttervorfall oder zerstörtem Beckenboden. Neben der rekonstruktiven Chirurgie erhalten sie psycho-soziale, aber auch juristische Hilfe und ökonomische Beratung. Patientinnen, die sich die Behandlung nicht leisten können, werden umsonst behandelt.

Dr. Mukwege

Gabi Hettler und Denis Mukwege bei der Übergabe der medizinischen Instrumente für die Gynäkologie des Krankenhauses.

Nach der Andacht treffen wir Denis Mukwege. Er freut sich über die Box mit den medizinischen Instrumenten, die wir ihm übereichen. Seit 16 Jahren hilft der Gynäkologe den Frauen und Kindern im Ost-Kongo. Mittlerweile arbeiten über 200 Spezialisten und auszubildende Mediziner mit ihm zusammen. Ihm ist wichtig, die jungen Mediziner zu motivieren, in ihrer Heimat im Kongo zu bleiben und zu arbeiten, wo sie gebraucht werden. Auch er selbst kam zurück aus dem Exil, nachdem er vor fast 3 Jahren in seinem Zuhause einen Überfall nur knapp überlebte. Weil er die Zustände in seinem Land verbessern möchte. Seither wohnt er mit seiner Familie auf dem Gelände des Krankenhauses. Trotz Drohungen spricht er auf der ganzen Welt – vor den Vereinten Nationen und der Europäischen Union – über die Verbrechen in seiner Heimat und schafft ein Bewusstsein für die schweren, andauernden Folgen für Mädchen und Frauen. Hierfür wurde er unter anderem mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.

Als wir über das große Gelände des Krankenhauses, vorbei an Operationssälen, durch die Frühchen-Station sowie Dialyse- und Laborräume geführt werden, kommen wir auch im Trakt der Frauen vorbei. Sie sitzen auf ihren Betten, im Garten oder auf Holzbänken im Gemeinschaftsraum. Viele von ihnen haben alles verloren. Aber die Versorgung im Krankenhaus und ihr Glaube geben ihnen Kraft und Mut, weiterzumachen.

Am Ende unseres Aufenthalts besuchen wir noch Madelaine, die Ehefrau von Denis Mukwege, die uns herzlich für Samstag zum Essen einlädt.

Frühchen

Auf der Frühchenstation im Panzi-Hospital. Nur wenige kongolesische Frauen übernehmen, zum Teil aus kulturellen Gründen, die Känguru-Methode und tragen das Neugeborene an der Brust.

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Vorbereitungen für die Kongo-Reise

Die Demokratische Republik Kongo liegt mitten im Herzen Afrikas. Es grenzt unter anderem an die Zentralafrikanische Republik, den Südsudan, Ruanda, Burundi Angola und die Republik Kongo. Fast ganz Europa passt in das riesige Land, das zu großen Teilen von Regenwald bedeckt ist. Der Kongo wird häufig als reiches und zugleich armes Land bezeichnet: Vor allem der Osten des Landes ist reich an Bodenschätzen, wie Gold, Diamanten und Coltan. Dennoch zählt der Kongo, laut des Human Development Index der Vereinten Nationen, zu den ärmsten Ländern der Welt – bedingt durch jahrzehntelange Ausbeutung, Korruption und jahrelange Kriege.

Gabi Hettler (Foto l.), Gesundheitsreferentin des Difäm, und ich, Anna Buck (Foto r.), Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sind in den letzten Vorbereitungen für unsere Reise in den Kongo. Das einzige, was noch fehlt, ist das Visum. Aufgrund einiger Änderungen im Antragsverfahren durch die kongolesische Botschaft dauert die Bereitstellung wohl noch etwas länger. Aber es verbleiben ja noch zwei Tage zum Abflug.

Am Freitag werden wir dann hoffentlich mit dem Flieger nach Ruanda und von dort aus in die bergige Provinz Süd-Kivu im Ost-Kongo reisen. In der Grenzstadt Bukavu und in der näheren Umgebung rund um den Kivu-See sind wir unterwegs, um uns einen Überblick über den Fortschritt einiger Gesundheitsprojekte des Difäm und seiner Projektpartner vor Ort zu verschaffen. Dabei steht auch der Besuch bei dem Alternativen Nobelpreisträger Dr. Denis Mukwege im Panzi-Krankenhaus auf dem Programm.

Gabi und Anna

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